Leseprobe


 inject  •••

oder

Seldwyla ist überall

Sabuto schenkte ein, immer den Kommissar aus dem Augenwinkel beobachtend, damit er keine Miene aus seinem Gesicht verpasste. Dann nahm er einen frischen Untersatz, stellte ihm den Whiskey hin, das Wasser daneben, die Flasche leicht versetzt dahinter, trat diskret einen Schritt zurück und erstarrte in Neugier.

Watanubi nahm das Glas, schaute hinein, schien aus der Tiefe des Glases einen schwerwiegenden Gedanken herauf zu holen, fixierte dann Sabuto einen Moment lang und trank einen Schluck, um besagten Gedanken in Fluss zu bringen, ohne Sabuto aus den Augen zu lassen.

«Irgendwas besonderes die letzten Tage?»

Watanubi wußte, daß die gespielte Belanglosigkeit bei Sabuto nicht ankam.

Der antwortete auch nicht und harrte gebannt, wie ein Kaninchen im Angesicht der Schlange, mit großen Augen der Dinge, die da kommen sollten.

«Also, Sabuto», half er ihm auf die Sprünge, «ist vielleicht irgend jemand verschwunden, einfach nicht mehr - aufgetaucht...?» Er zögerte bei diesem Wort. Richtig, die Frau war im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr aufgetaucht. Das hieße aber auch, daß sie noch nicht allzu lange im Wasser gelegen hatte, denn bei den hiesigen Temperaturen hätte der tote Körper spätestens nach zwei bis drei Tagen auftauchen müssen.

«Ich meine, wird niemand vermisst?»

«So kann man das eigentlich nicht sagen, Sir.»

Sabuto kratze sich am Nacken und schüttelte sinnend den Kopf.

«Vermisst hat hier niemand wen. Aber wenn Sie so fragen, etwas war doch seltsam.....


Was fanden all diese Leute am Reisen so großartig? Sie standen in langen Schlangen, warteten in ungemütlichen Hallen, saßen im Lärm der Menge und dem immer wiederkehrenden Gequake der Lautsprecher, um fieberhaft an den Ort zu hetzen, den sie ,Erholung‘ nannten, und um sich von der ersehnten Sonne, die es zuviel gab, und gewohnten Würsten, die es gar nicht gab, weiterhin stressen zu lassen.

Kommissar Watanubi hasste diesen Flughafen. Früher, als das Fliegen noch neu war, da hatte es etwas Exklusives, Besonderes. Da war hier eine Atmosphäre, die man genießen, in der man von fernen Ländern und Abenteuern träumen konnte. Da waren die fremden Namen ferner Städte auf einer großen Tafel, die sich wie von magischer Hand veränderten. Als Watanubi noch ein Junge war, ging er gern auf den Flughafen. Jeder fremde Name einer fremden Stadt wurde zu einer Geschichte in seiner Phantasie, in der   er immer mitspielte, und in jeder Geschichte gab er sich Rätsel auf, die er als Held zu lösen hatte. Die Magie war weg, der Traum hatte sich aufgelöst, alles war massenhaft geworden. Was sich veränderte, waren nur noch die Folgen von Daten und Nummer, sonst nichts.

So schien es auch mit seinem Job zu sein. Nur noch Daten. Früher suchte man eine Person, einen Zeugen oder vielleicht sogar einen Mörder. Er hatte noch Rätsel menschlicher Abgründe zu lösen. Aber heute suchte man keine Menschen mehr, man suchte Daten: Personalien, Abflugzeiten, Flugnummern, Gatenummern, Paßnummern, Sozialversicherungsnummern, und so weiter, um am Ende einen Tatbestand einzusperren. Da stand es in der Zeitung: Elfjähriges Kind in Haft. Ein Tatbestand. Wohin waren wir gekommen?

Watanubi saß in dem kleinen Wachraum der Flughafenpolizei, wo die Kollegen auf Einsätze warteten. Auch er wartete. Sie waren fündig geworden auf der Suche nach diesem Mister Jeff Miller. Ein potentieller Tatbestand. Die Buchungsnummer des Fluges OR 466 über Goa nach Amsterdam. Er war aufgetaucht und sollte bald einchecken.

Warum mußten die Kollegen nur dauernd qualmen. Alle verbrachten die meiste Zeit mit Warten. Warten als Job. Job als Sog. Ein Sog, der den Menschen die Zeit entzog. War der Rauch der Ersatz, den sie anstelle der Zeit zurück saugten?

Die Tür sprang auf und riss Watanubi aus seinen Gedanken. Zwei kräftige Uniformierte zerrten einen schlanken kahlköpfigen Europäer durch die Tür auf einen Stuhl gegenüber.

«Jeff Miller!» unterbrach einer der Uniformierten das Schweigen.

«Das ist sein Pass, Sir!»

Watanubi nahm ihn entgegen, ohne Miller aus den Augen zu lassen. Dieser fasste sich langsam wieder:

«Was soll das? Ich verpasse meinen Flug! Würde mir vielleicht mal einer erklären, was hier vorgeht?!»

Seine Entrüstung hatte einen unsicheren Boden.

Watanubi klatschte wortlos das Polaroidfoto der Leiche auf den Tisch und wartete. Der Kahle bekam große Augen, während er einen Moment zu gebannt auf das Foto sah, versuchte sich aber gleich zu beherrschen, was ihm nur kläglich gelang. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er schluckte....


weiter geht es hier >

© Art Sound & Design 2012